Kurzbiografie

Georg Hermann wird am 7. Oktober 1871 in Berlin als jüngstes Kind des jüdischen Kaufmanns Hermann Borchardt geboren. Trotz des finanziellen Zusammenbruchs seines Elternhauses kann Georg das Gymnasium besuchen, das er mit der mittleren Reife verlässt, um eine Kaufmanns-Lehre in einem Krawattengeschäft zu absolvieren. Es folgt der obligatorische Militärdienst und eine anschließende Beschäftigung als statistischer Hilfsarbeiter. Von 1896 bis 1899 studiert er Kunstgeschichte als Gasthörer an der Berliner Universität.

Noch währenddessen veröffentlicht er seinen ersten Roman („Spielkinder“ von 1897). Als Künstlernamen wählt Georg den Vornamen seines Vaters. So kommt er auf seine Weise dem Wunsch der Mutter nach, die Söhne mögen nach dem schmachvollen Bankrott des Vaters den Namen der Familie wieder zu Ehren bringen, während sein Bruder Ludwig (1863-1938) als Ägyptologe und Archäologe und sein Bruder Heinrich (1867-1935) als Architekt dem Namen Borchardt Ehre machen sollten.

Seine Studien erlauben es ihm, literarische Feuilletons, Kunstkritiken, städtbauliche Features sowie kleinere Erzählungen für zahlreiche Zeitungen in Berlin zu schreiben. 1901 wird er Angestellter beim Berliner Ullstein-Verlag und veröffentlicht über die Jahre eine Reihe viel beachteter kunstwissenschaftlicher Arbeiten. 1906 landet er mit „Jettchen Gebert“ einen Roman-Bestseller, der die tragische Geschichte einer jungen Berliner Jüdin in den Jahren vor der bürgerlichen Revolution 1848 erzählt und auch „Die jüdischen Buddenbrooks” genannt werden wird.

Mit der Fortsetzung der Geschichte durch den Roman „Henriette Jacoby“ kann er 1909 an diesen enormen Erfolg anknüpfen, während seine darauffolgenden Romane, die vor allem als Milieu-Studien seines geliebten Berlins (z.B. Kubinke, Aus guter alter Zeit, Die Nacht des Dr. Herzfeld, Heinrich Schön jr.) sowie als mehrbändige autobiografische Familien-Saga angelegt waren, diese Popularität nicht erreichen sollten. Seine pazifistische Einstellung und sein selbstbewusst vorgetragener jüdischer Internationalismus sollte ihn zum bevorzugten Hassobjekt der Nationalsozialisten machen.

Ab 1901 ist er mit Martha Heynemann verheiratet. Aus dieser Ehe gehen drei Töchter hervor (Eva, Hilde und Elise; ein Sohn verstirbt als Frühgeburt 1918). Eine weitere Tochter (Ursula) hat er mit Lotte Samter, mit der er seine zweite Ehe (vermutlich 1919) eingeht. Lotte stirbt 1926. Ihr hat der Autor auch dieses Büchlein gewidmet.

Während er mit Martha und den drei Töchtern mit Beginn des Ersten Weltkrieges nach Neckargmünd umgezogen ist, wo er dann auch mit Lotte und dergemeinsamen Tochter leben sollte, wohnen Martha und er mit Elise und Ursula vom August 1931 bis zum März 1933 in der sog. „Berliner Künstlerkolonie“ in der Laubenheimer Straße 7. Um in der sich rasant zuspitzenden politischen Situation einer Verhaftung zuvorzukommen – seine Werke stehen auf der „Schwarzen Liste“ und sollen im Mai 1933 bei den „Aktionen wider den undeutschen Geist“ mitverbrannt werden –, fliehen sie zu viert und kommen am 2. oder 3. März bei seinem Freund und Verleger Emanuel Querido in Holland an, wo sie herzlich aufgenommen werden.

sip_gedenkstele_ghermann
Gedenkstele von 1962, für Großansicht bitte auf das Bild klicken

Das Leben im Exil wird von Geldsorgen bestimmt und von der Erkenntnis, dass „eine Scholle nach der anderen … von der kleinen Insel in das Meer des Faschismus“ bröckelt. Gleichwohl kann er das autobiografische Werk „Eine Zeit stirbt“ sowie drei weitere Romane verfassen.

Nach der Besetzung Hollands durch die Deutsche Wehrmacht wird er Anfang 1943 gezwungen, sich von seinem Wohnort Hilversum nach Amsterdam zu begeben. Aus dem improvisierten Ghetto in Amsterdam wird er mit seiner Tochter aus zweiter Ehe und seinem Enkel, für die dann von Verwandten in der Schweiz noch rechtzeitig Pässe für die Ausreise besorgt werden können, in das Durchgangslager Westerbork überführt. Am 16. November 1943 wird er mit weiteren 994 „Juden aus dem Lager Westerbork“ in das KZ Auschwitz deportiert, wo der Transport am 17. November eintrifft. Für den 19. November 1943 wird er als tot registriert. Es ist nicht bekannt, ob er nach der Selektion im Gas umkam oder bereits während des Transports.

Am (neu errichteten) Wohnhaus in der Kreuznacher Straße 28 in 14197 Berlin, in dem Georg Hermann von 1931 bis zu seiner Emigration lebte, ist eine „Berliner Gedenktafel“ angebracht. Zum ehemaligen „Georg-Hermann-Garten“ auf dem Gelände des Spielplatzes der Kita des Pestalozzi-Fröbel-Hauses gelangt man zum Beispiel über die Goßlerstraße 24-26. Hier befindet sich noch die 1962 errichtete Gedenkstele (siehe Abb. oben rechts, Großansicht) für Georg Hermann.

Lieferbare Titel

Für mehr Informationen klicken Sie bitte auf das Cover.

Georg Hermann – Spaziergang in Potsdam
Nachricht aus einer versunkenen Stadt

16,00

Umsatzsteuerbefreit gemäß UStG §19
Kostenloser Versand

In den Warenkorb

Geplante Titel

Georg Hermann: November Achtzehn – Ende des Kapitel 7

Und dann saßen sie eines Morgens in der Bahn. Sie war kalt und überfüllt von Soldaten, die heimkehrten. Und Fritz Eisner kaufte sich noch eine ganze Tasche voll von Zeitungen. »Der freie Soldat«, Zeitung für Soldaten und Matrosen. »Die Rätezeitung«, »Die Republik«. Und wie all diese Eintagsfliegen noch hießen. Und dazu die Zeitungen aller Richtungen. An Lesefutter wird es ihnen sicher nicht fehlen unterwegs. Eher an anderem.

Plötzlich aber beginnt Fritz Eisner, wie er die erste Zeitung aufschlägt, wahnsinnig zu lachen. Er kann sich nicht beruhigen. Er bekommt gar keine Luft, so lacht er.

»Sage mal, mein geliebter Hund, meine kleine, angebetete Frau du, hältst du denn das überhaupt für wahrscheinlich, überhaupt für denkbar, und tatsachenentsprechend, daß es solchen Menschen wie das Gummischweinchen nochmal gegeben haben soll? Daß er sozusagen in Doublette vorhanden war?! Siehst du, … hier steht: ›Den Tod meines geliebten Zwillingsbruders, des Sanitätsrats Doktor …‹ Also das ist wirklich wahnsinnig komisch. Nicht mal das Gummischweinchen war ein vollkommenes und alleiniges Original … Original fahr hin in deiner Pracht!«

Und dann fängt Fritz Eisner plötzlich an zu schluchzen. Die Soldaten sehen ihn an, als ob er verrückt geworden wäre. »Erst lacht er und nu flennt er«, sagt einer.

Und als er das Taschentuch von den Augen nimmt, sieht Fritz Eisner gerade noch das rotgelbe gottverdammte Bezirkskommando I Berlin in der Generalpapestraße seinen Blicken entschwinden … Diesen unerschöpflichen Brunnen der Tränen!

Bezirkskommando

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1905, S. 807
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20006324908

Bezirkskommando (früher Landwehrbezirkskommando), dem Generalkommando unterstellte militärische Behörde, die in Verbindung mit bürgerlichen Behörden (Landrat) das Ersatzgeschäft (s. Ersatzwesen), d. h. die Musterung, besorgt. Ferner liegt dem B. ob: die Kontrolle der Offiziere und Mannschaften des Beurlaubtenstandes (s. d.), die Einberufung und Gestellung derselben bei den Übungen und bei der Mobilmachung, die Aufbewahrung der Bekleidungs- und Ausrüstungsstücke der Landwehr und Feldreservebataillone.

Der Bezirkskommandeur ist in der Regel ein inaktiver Stabsoffizier (Major, Oberstleutnant), für Berlin und einige Provinzialhauptstädte fungieren aktive Obersten in diesen Stellungen; dem Bezirkskommandeur ist ein aktiver Leutnant als Bezirksadjutant und mehrere Bezirks- und Kontrolloffiziere zugeteilt. Aus diesen und den sämtlichen Reserve- und Landwehroffizieren des Bezirkskommandos besteht das zuständige Ehrengericht, und durch sie geschieht die Wahl der Reserveoffiziersaspiranten zum Reserveoffizier. Für das Kontrollgeschäft gliedern sich die Landwehrbezirke in Kontrollbezirke mit Hauptmeldeämtern und Meldeämtern, denen Bezirksoffiziere und Kontrolloffiziere vorstehen. (Ersatzbezirk s. Ersatzwesen.) In Österreich-Ungarn hat man für jedes Infanterieregiment ein Ergänzungsbezirkskommando, bei Jägern etc. Ersatzbataillons-Cadre, bei der Kavallerie Ersatz-Cadre. Vgl. Freytag, Organisation und Dienstbetrieb eines Bezirkskommandos (Berl. 1901); v. Roques, Stellung und Tätigkeit des Bezirksoffiziers (Leipz. 1902).

»Projekt Gutenberg«