Hans Blöss

In seiner Autobiografie von 1968 beschreibt Kapitän Hans Blöss seine Zeit als Schiffsjunge und Matrose von 1905 bis 1912, seine anschließende Zeit als Nautiker, seine Internierung während des 1. Weltkrieges in Chile und die Heimsegelung der „Alexander Isenberg“ 1921 als I. Steuermann mit einer Mannschaft, die sich in ständiger Revolte auch gegen die überkommenen Verhältnisse in der Seefahrt befand.

hbloess_portrait_1971Ihm war es eine Herzensangelegenheit, der Nachwelt ein Bild der verflossenen Berufs- und Lebenswelt jener „Bürger der Ozeane und Meere“ nachzuzeichnen, die zu einer Zeit den Globus umsegelten, als für die meisten anderen Kirchturmspitzen nur selten hinter dem Horizont versanken.

Während heutzutage ein Flug von Hamburg nach Los Angeles binnen eines Tages beendet ist, konnte ein Lastensegler 5 Monate benötigen, um ab Hamburg – Kap Hoorn umsegelnd – einen Hafen auf der Pazifikseite des nordamerikanischen Kontinents zu erreichen. Und während das Flugzeug eines der sichersten modernen Fortbewegungsmittel darstellt, musste ein Seeman bei jeder Überfahrt sein Leben für das Segelschiff und für seine Kollegen in die Waagschale werfen. Unter diesen Umständen waren die bewährten Regeln und die Anweisungen der Offiziere unumstößliches Gesetz. Zuwiderhandlungen galten als Aufsässigkeit und wurden entsprechend geahndet. In den Augen des Autors war dies für den Erhalt von Gut und Leben auf hoher See unverzichtbar.

Ein Weltbild stürzte ein, als die Revolution von 1918 sich anschickte, überkommene Strukturen hinwegzufegen und dabei auch vor der Seefahrt nicht halt machte. Der Kaiser hatte abgedankt, in Berlin herrschte eine Revolutionsregierung – und auf einmal wurde auch die Autorität eines Kapitäns, dem bis dahin uneingeschränkten Herrscher über das Schiff, seitens des gemeinen Matrosen in Frage gestellt. Es war ein Alptraum für die Offiziere, der Hass freisetzte und keine geringe toxische Wirkung in den folgenden 15 Jahren bis zum Beginn der NS-Diktatur entfaltete. So ist der zweite Band der Autobiografie ein Dokument des Zusammenstoßes zweier einander unversöhnlich gegenüber stehender Weltanschauungen: kaisertreu, autoritätsbewusst und „im Geiste der Unterordnung erzogen“ die eine – rebellisch, egalisierend und selbstbezogen die andere.

Ein Mann, an dessen Warmherzigkeit seine Enkel sich immer noch erinnern können, legt hier Zeugnis eines Strebens ab, das durchwoben war „von Härte gegen mich selbst, auch gegen andere, um mein mir gestecktes Lebensziel zu erreichen“.

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